Archiv der Kategorie: Geschichten

Weihnachtsmann gekündigt

Lieber Himmel, der 30.12.2018

Wie wir durch eine undichte Stelle im Postmeisteramt ‚Lieber Himmel‘ erfahren haben, wurde kurz nach Weihnachten 2018 ein Kündigungsschreiben an den Weihnachtsmann per Einschreiben gesendet. In der offiziellen Begründung heißt es, dass der Weihnachtsmann zu alt sei. Der weiße Bart sei nicht mehr modern und der heutigen Zeit angemessen. Außerdem ist der alte Weihnachtsmann zu langsam. Die Stelle wird neu ausgeschrieben. Bewerben können sich junge Männer mit Charakter, möglichst ohne Bartwuchs. Im Zuge der Gleichstellung können sich natürlich auch Frauen bewerben. Und Kinder. Bewerbungsschluss ist der 31.7.2019. 

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Vertrauen

Vertrauen heißt, die Zeichen des Weges zu sehen, zu erkennen, zu deuten, und denen, den Menschen, den Fremden, den Freunden, die diese Zeichen gesetzt haben, zu glauben. Auch wenn die Zeit, die vergangen ist, die Zeit die Zeichen verändert hat, sie sind da. Man kann ihnen vertrauen. Man muss es nur tun. Wenn das so einfach wäre …

Verantwortung

Als sein Onkel konnte ich ihm nicht helfen. Spätestens nach seinem ersten Suizidversuch, aber bestimmt noch viel früher, hätte ich zu ihm Kontakt aufnehmen müssen. Hätte ihn begleiten müssen. Aber ich habe das nicht getan. Ich kann versuchen mich dafür zu entschuldigen. Es gibt Gründe. Meine Familie. Meine Kinder. Meine Arbeit. Meine Geschichte. Aber all das zählt nicht. Ist keine Entschuldigung. Ich hätte es machen können. Als sein Onkel. Hätte ich ihm zuhören können, ihn annehmen, mit Offenheit für ihn da sein können. Hätte ich ihm erzählt, dass jedes Leben einmalig ist. Wertvoll. Einzigartig. Hätte ich ihm erzählt, dass ein Lebensweg sich aus vielen kleinen Schritten ergibt. Manchmal verschlungene Wege geht. Aber sich jeder Schritt aus den Schritten entwickelt, die man gegangen ist. Ich hätte sagen können, dass man alles verzeihen kann. Selbst einem Mörder seine Tat. Alles. Alles seine Gnade finden kann – und seine Gnade finden sollte. Wenn man seinen Weg bewusst geht. Und zu dem steht, was man tut. Und „Fehler“ einsieht. Und sich daraus weiter entwickelt. Findet. Wächst. Ich hätte sagen können, dass es nicht darauf ankommt, was man ist, was man hat. Was andere, was die Gesellschaft, meinen. Sondern darauf, dass man sich selbst lebt. Sich findet. Man muss keinen wahnsinnig tollen Beruf haben. Nicht Professor oder Pilot oder Rechtsanwalt. Um sein Glück zu finden. Man braucht nicht viel. Wichtig ist nur, dass man sich selbst versucht zu leben. Dass man seine Nische findet. Vielleicht als Künstler. Oder als Vater. Als Poet oder als Einsiedler. Oder, alleine, auf einem Segelboot, als Weltumsegler. Ganz egal. Und ganz egal, was andere meinen, denken oder sagen. All das, meine Lebensphilosophie, hätte ich ihm mitteilen können. Ich hätte für ihn da sein können. Ich hätte ihn als Onkel, als Freund, sein Leben lang begleiten können. Aber ich habe es nicht gesagt, nicht getan, ich habe versagt. Auch wenn die Ursache seiner Entscheidung sehr komplex sind, mein Handeln nicht den Lauf der Zeit ändern kann, ich habe versagt. Daran trage ich tiefe Schuld. Das ist verantwortungslos.

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Vater und Sohn

Sein Vater starb mit Mitte fünfzig. Jünger, als nun er jetzt ist. Er hat ihm nichts vorzuwerfen, nichts zu verzeihen. Der Sohn dem Vater. Weil er versucht zu verstehen.

Vater war Alkoholiker. Keine Feier ohne Bier und Schnaps. Das gehörte dazu. Um lustig zu sein. Spaß zu haben. Er macht vieles nicht so, wie sein Vater. Er trinkt nie zu viel. Mal ein Glas Bier im Sommer. Abends ein Glas Rotwein. Mehr nie. Er braucht das nicht. Um lustig zu sein. Oder die Augen zu verschließen. Vater brauchte es. Um zu vergessen. Den Krieg. In dem er als junger Mann, als Kind, eingezogen worden war. Die Wunden der Verletzung. Manchmal schmerzte ihn der amputierte Arm. Phantomschmerzen nannte er es. Ein Arm war verloren. Nicht nur ein Arm. Ein Stück von der Seele. Ein Teil von der Möglichkeit, sich einzufühlen. Weil Gewalt zum Überleben überlebenswichtig war. Und ihn abgestumpft hatte.

Ein Junge weint nicht. Du willst doch ein Mann werden. Waren Vaters Worte, wenn dem Sohn, als kleines Kind, die Tränen kamen. Im Lauf der Jahre wurde der Rücken krumm. Sitz doch gerade, herrschte ihn der Vater immer wieder an. Es half nicht. Vater konnte mit Befehlen nicht die Last nehmen, die sich mit der Zeit auf den Schultern des Sohnes anhäufte.

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