Denken und Fühlen

Der Mensch denkt. Er überlegt. Er forscht. Der Mensch entwickelt. Erfindet. Er entdeckt. Der Mensch probiert. Urteilt. Beweist. Der Mensch verwirft. Irrt. Ändert die Richtung seiner Gedanken. Das Denken macht den Menschen aus. Der Mensch glaubt, das unterscheidet ihn. Er ist das beste, das am weitesten entwickelte, Geschöpf. Weil er denkt. Weil er weniger seinen Instinkten folgt. Wie Tiere. Wie er glaubt. Sondern weil er denkt. Damit fühlt er sich überlegen. Damit hebt er sich ab. Denkt der Mensch.

Der Mensch denkt, jetzt ist das Wetter aber toll. Seit mehreren Wochen ist es schön warm. Die Sonne scheint jeden Tag. Schönes Wetter sagt der Nachrichtensprecher. Sagen die Menschen dazu. Natürlich stöhnen auch welche über die Hitze. Haben damit gesundheitliche Probleme. Oder Landwirte beklagen sich über die deutlich sichtbaren und zu erwartenden Folgen der Hitze. Aber das sind wenige. Wettervorhersage. Wieder schönes Wetter, 31 Grad, Sonne, kein Regen. Die meisten finden dieses Wetter schön. Aus Sicht der Menschen betrachtet. Wird sich beklagt. Wird etwas schön gefunden. Es wird bewerten aus unserer Sicht, aus Sicht der Menschen. Vielleicht kann der Mensch das nicht anders. Wir sehen uns nicht mehr als Teil eines Systems, als ein Teil der Natur. Wir bewerten nicht aus Sicht der Natur. Aus Sicht einer komplexen Welt. Wir sind so vermessen, arrogant, uns aus dieser Natur heraus zu nehmen, abzukoppeln. Die Natur ist dem Menschen unterworfen. Er beutet sie aus. Er verschmutzt sie. Er zerstört sie. Und das, ohne jegliches, schlechtes Gewissen, und ohne wirklich langfristiges Denken, als ein Teil eines ganzen, ökologischen Systems.

Der Mensch kann so handeln, weil er sich von der Natur, so weit wie nur möglich, entfernt hat. Den Bezug zu ihr verloren geht. Der Mensch sich als etwas Besseres sieht. Und eben nicht als ein Teil. Der Mensch hat andere Werte entwickelt, wie Geld, Arbeit, Wirtschaft, Macht, Besitz, alles menschengemachte Werte. Zivilisation. Hauptsache, man kann Geld verdienen. Die Natur wird nur benutzt, als Ressource ausgebeutet, ohne den wirklichen Wert dieser Natur als solches anzuerkennen. Ohne der Natur einen Wert zu geben, der über die, von Menschen benötigen, Rohstoffe zur Ausbeutung hinaus geht. Oder dem, was der Mensch schön findet. Ohne eine Welt anzuerkennen, die über Millionen von Jahren gewachsen ist, und die der Mensch in ein paar hundert Jahren zerstören kann. Das Wetter, wie dieser heiße Frühling in Deutschland 2018, ist nicht schön. Die Hitze, die heiße Luft, bedeutet eben auch mehr Energie, die in der Atmosphäre gespeichert werden kann. Und wenn diese sich entlädt, kommt es zu immer extremer werdenden Wetterphänomen. Das ist einfache Physik. Das sind weitere Vorzeichen einer globalen Veränderung des Klimas. Durch eine Welt, die der Mensch geschaffen hat. Einer Veränderung der Natur. Die Gefahr der Zerstörung. Das Wetter ist nicht schön, aus Sicht der ganzen Welt.

Es sind zwei Parallelwelten entstanden. Die Welt des Menschen. Und die Welt der Natur. Diese Welten sind für sich schon sehr komplex. Wir verstehen es, ein Auto zu fahren, aber zu begreifen, wie das alles funktioniert, ist schwer. Wir sehen die Blume blühen, können die biologischen Vorgänge erklären, aber verlieren den Überblick, den verschachtelten, komplexen Zusammenhang in der Ökologie, der Pflanzen- und Tierwelt. Bienen sterben durch exzessive Landwirtschaft. Natürlich versuchen wir auch, diese Welt zu erforschen. Wir machen schöne Filme über die Natur. Um sie anderen zu zeigen. Wir forschen, um die Vorgänge nachzubilden, anzuwenden. Mit scheint es, alles verfolgt aber nur dem Hauptzweck: die Natur noch besser, noch weiter auszubeuten.

Der Mensch ist nicht das einzige denkende Wesen dieser Welt. Der Mensch meint, das denken unterscheidet ihn von Tieren. Von anderen Lebewesen. Schaue ich auf die beiden Katzen, mit denen ich zusammen lebe. Folgen sie nur ihren Instinkten? Dem Instinkt des Hungers? Dem Instinkt der Lust? Wer weiß, vielleicht denken sie nicht so wie der Mensch, der Worte, der Sprache gefunden hat. Aber sie denken, sie haben einen Willen, der über den Instinkt hinaus geht. Sie möchten Aufmerksamkeit, Berührungen, Nähe, Zärtlichkeit. Und sagen uns das. Sie möchten spielen, jagen, entdecken. Sie möchten Abstand, ihre Ruhe. Sie möchten ihren Platz, den Stuhl, auf dem wir sitzen, würden sie gerne haben, um genau dort zu liegen. Und sie sagen uns das. Mit ihrem zu uns kommen. Einem maunzen. Einem schnurren. Einem weggehen. Katzen sind ein Beispiel dafür, dass Tiere mehr sind, als nur vom Instinkt gesteuerte Lebewesen.

Warum auch sollte das anders sein? Warum sollte das bei anderen Tieren anders sein? Warum also sollte der Mensch mehr sein, als diese anderen Tiere? Der Mensch ist doch auch nur ein anderes Tier. Aber der Mensch ist anders, denkt der Mensch. Dennoch. Er erfindet. Werkzeuge. Am Anfang. Feuer nutzt er. Das Rad war nur ein Beginn. Die erfundene Welt des Menschen ist sehr vielfältig. Eine Katze kann das so nicht. Das wird bewertet. Und das wird als Begründung gesehen, der Mensch sei besser als jedes andere Lebewesen. Aus Sicht des Menschen ist das so. Und wir können uns nicht in die Sicht einer Katze wirklich hinein versetzen, um aus ihrer, aus anderer Sicht die Welt zu sehen. Zu verstehen. Wir verstehen nur aus unseren Erfahrungen heraus, aber wenig aus den Erfahrungen anderer, aus der Sicht anderer. Schon im Zusammenspiel mit anderen Menschen haben wir damit oft große Probleme. Zu verstehen. Unmöglich ist es zu verstehen, aus Sicht anderer Lebewesen. Und das, was wir nicht verstehen können, wird abgewertet, weil wir selbst uns damit aufwerten.

Das menschliche Handeln funktioniert sehr einfach. Was Mensch nicht kennt, wird abgetan. Was Angst macht, was anders ist, wird negiert. Besser der andere hat Schuld. Was dem Menschen nicht passt, wird mit Aggressivität nieder gemacht. Vernichtet. Was der Mensch haben möchte, wird genommen. In der zivilen Gesellschaft mit Geld. Aber auch mit Betrug und Korruption, mit Verbrechen, mit Kriegen. Geld, und damit Macht, scheint den Charakter zu verderben, Gier nach mehr ist menschliches Streben. Alle menschlichen Bedürfnisse, seien sie noch so elementar, werden von wenigen dazu genutzt, um damit viel Geld zu verdienen. Ist der Mensch so?

Das ist wahrscheinlich der Unterschied zwischen Mensch und Tier. Das der Mensch sich eine eigene Welt schafft. Ein Delfin baut keine Flugzeuge, um fliegen zu können. Der Storch prostituiert keine Störchin, um sich damit sein teueres Leben zu finanzieren. Der Affe beutet nicht die Bananenplantagen aus, um noch mehr Bananen zu haben und mit Einpflanzenanbau andere Kulturen zu zerstören. Die Wühlmaus baut keine teueren Luxushöhlen, die sich keine andere arme Maus leisten kann. Die Art und Weise, wie der Mensch lebt, macht den Menschen nicht besser. Natürlich gibt es auch die andere Seite: Menschen werden älter, weil ihr Leben durch gesundheitliche Möglichkeiten besser sind, wir es warm und trocken haben, ein Dach über den Kopf. Aber auch dieses Argument ist scheinheilig, den nicht allen Menschen geht es so. Armut und Hunger in vielen Regionen der Erde zeichnen ein anderes Bild. Uns Menschen hier geht es nur solange gut, wie wenige damit, mit allen Mitteln, ihr Geld verdienen.

Das Problem geht aber noch weiter. Es macht nicht halt, vor der Zerstörung der Natur. Es macht nicht halt, vor der Zerstörung der ökologischen Voraussetzungen, die für das Überleben aller notwendig sind. Es zerstört auch den Menschen selbst. Umweltgifte werden eingeatmet. Nukleare Verschmutzung der Atmosphäre, bedroht uns. Plastik verseucht die Meere. Viel schleichender ist aber, dass auch die Art zu leben uns bedroht. Alles wird immer schneller. Im Discounter an der Kasse muss man den Wagen in kürzester Zeit vollpacken. Wer nicht im Laufschritt die Regale einräumt, wird entlassen. Es gibt ja genug arbeitslose Menschen. Wer nicht im Akkord die Maschinen zusammen schraubt, wird durch Roboter ersetzt. Zeit ist Geld. Schnelligkeit zählt. Damit wenige viel Geld verdienen. Diese Geschwindigkeit des Lebens greift die Seele des Menschen an. Überfordert sie. Setzt sie unter Stress. Eine angegriffene Seele macht den Körper empfindlich, krank. Menschen benötigen Drogen, um den Stress der Arbeit auszuhalten. Werden süchtig, krank. Psychische Erkrankungen nehmen zu. Das Glück verschwindet. Das Eigentum ist bedroht. Sozialer Frieden schwindet. Unzufriedene Menschen radikalisieren sich, werden zur Waffe der Mächtigen. Wir werden einen hohen Preis zahlen, für die Zerstörungen durch die Zivilisation des Menschen.

Der Mensch fühlt. Die Gefühle aber sind bedroht. Durch das Denken des Menschen. Manche Gefühle gelten als schwach. Weine doch nicht. Sei nicht traurig. Nehme das Medikament, nehme die Droge, lenkt dich ab, und dir geht es besser. Zeit für Traurigkeit? Dein Kind ist gestorben? Funktioniere. Das wird gefordert, in dieser Welt. Ich weiß es nicht, aber vielleicht wäre hier ein Ansatz, die Welt des Menschen, die Welt der Natur wieder näher zueinander zu bringen. In dem wir wieder mehr und mehr lernen zu fühlen und überhaupt Gefühle zuzulassen. Für mich gibt es kaum schönere, zeitlosere Momente, als die Zärtlichkeit, das Fühlen meiner Frau. Wir können eben nicht alles erklären, durch denken. Aber wir können lernen zu fühlen, es wieder zu lernen. Denn ich glaube, das Fühlenkönnen, der Instinkt, verliert der Mensch in der Zivilisation, in seiner Entfernung von der Welt der Natur, in der technisierten Welt. Seine Sinne verkümmern, weil sie im Stress, durch die Hektik des Alltags, zu wenig Raum haben. Viel zu wenig. Vielleicht ist das ein Weg zur Rettung: Entschleunigung, ein paar Gänge runter schalten, Langsamkeit, sich alle Zeit der Welt geben und lassen, Empfindungen zulassen können, Empathie zur Natur zu entwickeln, gleichberechtigt mit der Natur versuchen zu leben. Und einfach nur zu fühlen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

neunzehn − zwei =

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.