Kriegskind

Wo ist mein Vater?
Er ist im Krieg. Er kämpft für unser Land. Unser Vaterland.
Ich vermisse ihn. Wann kommt er nach Hause?
Ich weiß es nicht. Vielleicht bekommt er bald Fronturlaub. Gehe spielen. Ich habe keine Zeit.
Wo ist mein Bruder?
Frage nicht so viel. Ich muss die Wäsche bügeln. Du weißt es doch. Er ist im Krieg. Er kämpft für unser Land.
Mir ist kalt.
Wir haben keine Kohlen. Ich kann nicht heizen. Gehe ins Bett.
Ich habe Hunger. Soll ich hungrig ins Bett?
Wir habe nur einen Kanten trockenes Brot. Der ist für morgen früh, für das Frühstück.
Dann muss ich hungrig ins Bett. Wann kommt Vater heim? Und bringt etwas zu essen mit. Wie Früher.
Du fragst und fragst. Ich weiß es nicht. Er ist in Russland. Er kämpft für unser Land.
Unser Land. Ich verstehe das nicht. Was heißt das? Ich vermisse ihn. Ich kann mich kaum noch an ihn erinnern. An seine Stimme.
Er kämpft für unseren Führer. Unsere Soldaten opfern sich auf. Lass mich arbeiten. Ich muss noch mal los. Ich habe keine Zeit. Ich bin müde.
Ja. Gehe nur. Ich versuche, warm zu werden. Im Bett. Alleine.

Alleine. Und immer konfrontiert mit der Gefahr. Dem Krieg. Mit der Angst. Mit dem Hunger. Der Sorge eines Gegenangriffs. Der Bedrohung durch den Feind. Aber alles ist abstrakt. Was ist das: Vaterland. Worum geht es, in diesen Krieg? Um uns Menschen doch wohl nicht. Nur um Macht über andere. Mutter ist gegangen. Sie hat keine Zeit. Ich bin alleine. Liebt sie mich? Mein Magen knurrt. Ich verstehe das nicht.

Endlich. Der Krieg ist vorbei. Vater ist in Kriegsgefangenschaft. Irgendwo. Keiner weiß wo. Mein Bruder ist im Krieg gefallen. Im Krieg geblieben. Meine Mutter arbeitet viel, organisiert. Und hat wunde Hände. Vom Schutt. Den sie tagtäglich wegräumt, nach ihrer Arbeit im Laden. Graue Haare, tiefe Augenringe, zeichnen sie. Ich bin heute 18 Jahre alt geworden. Keine Feier. Ich möchte weg. Da ist ein Mann. Er ist im Krieg schwer verwundet worden. Aber er lässt es sich nicht anmerken. Er ist charmant. Und sieht auch gut aus.

Ich bin schwanger.
Du musst ihn heiraten.
Ja, Mutter.

Ich habe Schmerzen. Aber vorher mache ich noch eben die Betten. Bereite das Mittagessen vor. Ich kann später zum Arzt.

Warum sind sie nicht eher gekommen? Eine Frühgeburt. Wir müssen das Kind hierbehalten.
Kann ich es sehen?
Nein, es ist auf der Kinderintensivstation. Im Brutkasten.
Mein Mann bringt jeden Tag die abgepumpte Milch. Ist das ok?
Ja, das ist gut. Wir kümmern uns um ihr Kind.

Was macht diese Verlassenheit mit meinem Baby? Ich kann es mir nicht vorstellen. Ich habe keine Zeit, darüber nach zu denken, wie wichtig für die seelische Entwicklung, gerade in den ersten Monaten des Lebens, die zärtliche Nähe der Mutter für ihr Kind ist. Die Geborgenheit. Mein Kind schreit. Aber ich muss arbeiten. Das Haus, das Geschäft, der Garten. Sein Haus, sein Geschäft, sein Garten. Ich habe keine Zeit. Ich muss funktionieren. Habe keine Zeit nachzudenken.

Er hat Schreckliches erlebt. Wenn er trinkt, wird er lustig. Er scherzt. Er vergisst. Aber er trinkt mehr, zu viel. Öfter. Um den Krieg, den Kampf, das Leid, das er erlitten hat, das er über andere Menschen gebracht hat, das Gut, das er verloren hat, in seiner Heimat, von sich abzuschütteln. Wenn er betrunken ist, nimmt er sich mit Gewalt, was er will. Er verliert jede Scheu. Einmal Soldat. Immer Soldat. Kann ich mich von ihm scheiden lassen?
Nein. Dann verlieren sie alles. Das Kind bleibt bei ihren Mann. Ihr Mann ist angesehen, geachtet. Er ist erfolgreich. Sein Geschäft floriert. Bleiben sie bei ihm, denn sie würden die alleinige Schuld zugewiesen bekommen, wenn sie ihn verlassen. Wenn sie gehen.

Ich möchte mein Kind beschützen. Also bleibe ich. Also opfere ich mich. Mein Leben. Ich liebe mein Kind. Aber die Gewalt des Krieges, die Gewalt des Mannes, haben ihren Preis. Das grausame Leid, die Entbehrungen, stumpfen ab. Ich kann mich in andere Menschen nur schwer hinein versetzen. In diesen Mann. Ich kann ihn nicht verstehen. Emphatisch sein. Mit fühlen. Das konnte ich nicht lernen. Als Kriegskind. Und noch weniger, in dieser Ehe. Das Kind ist groß. Aus ihm ist etwas geworden. Es arbeitet viel, hat das Geschäft vom, vor Monaten verstorbenen, allseits verehrten Vater übernommen. Es verdient gut. Es funktioniert. Es ist seinem Vater sehr ähnlich. Auch wenn es den Krieg nur aus Erzählungen kennt, man spürt, dass das Kriegsleid auch seine Seele belastet. Ein Krieg hat viele Opfer, über eine lange Zeit hinaus.

Ich habe Hunger. Nach meinem Leben. Das kann doch nicht alles gewesen sein. Ich gehe. Endlich.

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