Socke

Wenn wir meinen, alles zu verstehen, alles ausrechnen zu können, alles zu wissen, dann wird morgen etwas geschehen, was wir im Leben nicht glaubten, das es passieren könnte.

Samstag früh schafften es die Katzen Karo und Socke irgendwie, die Haustür auf zu bekommen. Als wir es merkten, war es zu spät. Die herzkranke, neugierige Katze Karo kam gleich rein ins Haus, der eher ängstliche Socke blieb verschwunden. Wir suchten am Morgen, wir suchten am Nachmittag. Wir hängten Aushänge aus. Wir weinten. Voller Sorge. Wir suchten am Abend, in der Nacht. Verloren den Mut. Und nicht doch auch die letzte Hoffnung. Die Zeit schien stehen zu bleiben. Am Sonntagvormittag verteilten wir unsere Suchzettel noch in den Briefkästen unserer nahen Nachbarn im Dorf. Mehr konnten wir nicht tun.

Anderthalbstunden später. Sonntag Mittag. Mein Handy klingelte. Eine Rufnummer aus dem Dorf. Der Nachbar gegenüber hatte gehört, dass der Hund seines Nachbarn, der gerade auf seinem Boot weilte, komisch jaulte. Er hatte vorher, am Sonntag (!), unseren Zettel gefunden. Und ging mal nachschauen. Und fand unseren blutenden Kater Socke unter der Hundehütte. Er sperrte den Hund ein. Und rief uns an.

Kater Socke war gerettet. Unvorstellbar. Ein Wunder. Dank unseres aufmerksamen Nachbarn. Kater Socke stand unter schweren Schock, hechelte stark, miaute aber gleich meine Liebste an. Schnellstens fuhren wir mit ihm in die Tierklinik nach Potsdam. Als Notfall kümmerte sich der Arzt sofort um ihn. Nach dem Röntgen war klar, dass keine inneren Verletzungen vorhanden waren, das Blut kam von einer verlorenen Kralle. Was für ein Glück. Die Blutuntersuchung dann aber ergab, dass die Niere nicht mehr arbeitete, also Infusion und wieder bangen. Socke musste in der Klinik bleiben.

Kein Wunder. Socke hatte um sein Leben gekämpft. Bis ans Äußerste. Hatte er sich gewehrt, sich verteidigt. Wie wir vom Nachbarn erfuhren, hatte auch der Hund sichtbare Blessuren, beide hatten die Garage verwüstet.

Montag Vormittag bekamen wir die Nachricht, dass die Niere wieder arbeitet, aber Socke nicht fressen wollte. Auch als wir ihn Montag Abend kurz in der Klinik besuchten, wollte er sich verkriechen. Wollte nicht fressen. War noch zu sehr verstört. So entschlossen wir uns schweren Herzens, ihn noch einen Tag in der Klinik zu lassen, bis die Infusion beendet werden konnte. Wie würde Socke diese Abenteuer verkraften? Wie das Trauma ertragen? Seine verletzliche Seele, er, der eher ängstliche Kater, der selbst vor dem Staubsauger wegrennt. Wird er sich verkriechen? Verstecken? Wird er das Katzenklo akzeptieren?

Dienstag Vormittag rief uns der Arzt an, der Socke am Sonntag aufgenommen hatte. „Der Socke möchte nach Hause“. Zwar hatte er weiterhin noch nicht gefressen. Aber er erkannte uns, war ganz ruhig. Und stank ein bisschen wie ein Puma. Der Arzt meinte, wir hätten alles richtig gemacht, sofort in die Klinik zu fahren. Es ging um sein Katzenleben. Nun konnte er wieder nach Hause.

Wie wird das aber sein? Und wie wird sich seine Schwester Karo verhalten, wird sie ihn ablehnen?

Ein Wunder. Als wir ankamen, kaum durch die Tür waren, merkte Socke, dass er zu Hause war. Schnupperte. Karo begrüßte ihn vorsichtig. Socke versteckte sich nicht. Guckte kurz und ging erstmal fressen. Dann musste er Pipi und ging auf das Katzenklo. Er schaute sich um, schnurrte leise, als meine Liebste ihn streichelte.

Jetzt, als ich das schreibe, liegt er neben mir auf dem Schreibtisch, und ruht sich aus. Unser Kater Socke.

 

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