Trauer – die Kraft des Lebens

Wir haben keine Zeit. Für Gefühle, für Trauer. Der Tod. Er kommt. Unausweichlich, für jeden, immer. Manchmal auf plötzliche Weise. Ein Unfall, eine schwere Erkrankung, ein Freitod. Für den Menschen, der gestorben ist, ist es vorbei, das Leben, das Fühlen, alles. Aber es ist nicht vorbei. Für die Menschen, die weiterleben, die den Verstorbenen kannten, die ihn liebten. Es ist nicht vorbei, für die Mutter, den Vater, den Ehepartner, den Kindern, den Verwandten, Freunden und Bekannten. Jedes Leben wirkt.

Aber wir blenden den Tod aus. Solange es geht. Der Tod ist nicht ein Teil unseres Lebens. Wir organisieren die Beerdigung, Seelsorge begleitet die Hinterbliebenen, das System funktioniert (weil man auch damit Geld verdienen kann). Alles ist organisiert. Verwandte, Freunde kommen zur Beerdigung. Hier, jetzt, darf man – wenn man es kann – trauern. Aber ein halbes Jahr später? Man muss funktionieren, den Erwartungen gerecht werden. Den eigenen Ansprüchen vielleicht, aber mehr denen, der Gesellschaft. Ein Menschenleben ist zu Ende, das Leben – der anderen – geht weiter. Und wir Menschen blenden es aus.

Ein Kind ist gestorben. Es ist unendlich schwer auszuhalten. Die Trauer. Für andere Menschen wie für einen selbst. Das Unglück. Die schlechte Stimmung. Es ist noch schwerer auszuhalten, weil es keinen Platz findet, es nicht angenommen wird, wir es verdrängen. Was man nicht zulassen darf, wiegt im Verborgenen, in der Tiefe der Seele, schwer.

Es gibt unzählige Strategien der Verdrängung, das ist auch nicht verwerflich. Alle Verdrängungsstrategien haben aber ihren Preis, sie hinterlassen Wunden, bei einem selbst, was man nicht unbedingt merkt, zwar unter den Folgen leidet, ohne die Ursache zu begreifen. Und bei anderen, die sich unverstanden fühlen, allein gelassen, nicht angenommen, nicht geliebt. Wir leben in einer Gesellschaft, einem Netzwerk, in der jedes Tun, alles, eine Wirkung entfaltet. Wir können, egoistisch, vieles machen, was für uns gut ist. Oder scheint. Aber welche Auswirkung hat unser eigenes handeln? Es ist schwer, das zu überblicken.

Da ist es einfacher, mit dem Geld auf dem Konto, oder dem Geld anderer, sich ein neues Auto zu kaufen, und sich damit gut zu fühlen. Es ist einfacher, rot glänzende, silbern abgesetzte Felgen zu montieren und sich so als Supermann zu fühlen. Es ist einfacher zu arbeiten, bis zum Umfallen, um nicht nachzudenken, und noch weniger, den Gefühlen ihren Raum zu lassen. Und wenn man Gefühle zu lässt, dann im Sex, der, auf das eigene Ich bezogen, die eigene Lust und Macht in den Vordergrund stellt und den abhängigen Partner als Objekt missbraucht. Mann hat doch Gefühle (= Sex), weil Mann überhaupt den Größten hat: I love my Penis. Lügen werden Wahrheit. Man muss es nur glauben.

Und der Glaube ist doch gut, wie viele meinen, gelernt haben, in und mit ihrer Religion. Er ist auch gut, wenn er ein Sozialwesen schafft, aber er ist genauso, wie vieles, eine Strategie der Macht und der Verdrängung.

Es ist nicht schwarz-weiß. Verdrängung ist nicht immer schlecht. Denn oftmals braucht man Abstand. Es braucht seine Zeit. Man sieht erst aus der Entfernung besser. Es ist sonst nicht auszuhalten. Wie der Tod. Es ist zu schwer. Aber: wir machen es auch schwer, weil wir es verdrängen, nicht als Teil des Lebens wirklich annehmen.

Schuldzuweisungen sind auch ein beliebtes Mittel der Verdrängung. Unser Rechtssystem beruht auf Schuld oder Unschuld. Eine Gesellschaft braucht ein Rechtssystem, als Gegengewicht zur Willkür. Da es aber auch oft um persönliche Interessen geht, ist ein Rechtssystem nicht unbedingt gerecht.

Gerechtigkeit aber ist ein, wie ich finde, wichtiges gesellschaftliches Gut. Zudem lenken Schuldzuweisungen von dem eigenen Beitrag ab, von der eigenen Person. Es scheint einfacher, andere schuldig zu sprechen, als sich selbst in die Augen zu schauen, seinen eigenen Anteil zu sehen. Lieber andere als Sündenbock abstempeln. Für einen selbst ist es doch immer besser, dass der andere die Schuld trägt. Bloß keine Blöße zugeben, keinen Fehler. Oder über sich selbst nachdenken, über die eigene Person. Bloß die eigene Position nicht gefährden. Bloß nicht den Blick auf die eigene Seele wagen. Oder auch über den Sinn, den Hintergrund, des eigenen Eigentum, oder der eigenen Macht, nachdenken.

Haben ist besser als brauchen. Dafür gehen Menschen über Leichen, wie uns die Geschichte der Menschheit erzählt. Und um das zu können, darum muss der Mensch den Tod, den er doch auch über andere Menschen bringt, aus dem Leben ausblenden. Sonst funktioniert das System nicht, der Mensch. Was zählt ein Leben, Hauptsache ich lebe.

Sich dieser Mechanismen, bewusst zu werden, zu durchschauen, was es bedeutet, wem es nutzt, ist eine große Herausforderung. Ein Traum ist eine solidarische Gesellschaft, in der jeder einzelne ein geschätztes Mitglied ist, nicht, weil er etwas hat, nicht, weil er etwas besitzt, nicht, weil er eine Leistung bringt, nicht aus Berechnung, sondern weil eine Gesellschaft als Netzwerk nur wirklich für alle da sein kann, wenn es alle und alles annimmt.

Wir Menschen haben ein Bewusstsein. Wir können denken. Wir können Fühlen. Das sind unsere Stärken. Wir müssen begreifen, unsere Stärken als Kraft für alle, für alles, und nicht für die Vorteile einzelner Gruppen, zu nutzen. Hierfür müssen wir alle Aspekte des Lebens anerkennen. Und dazu gehört genauso der Tod, der zum Leben gehört, damit Leben neu entstehen kann. Dazu gehört das Annehmen von Trauer, als eine Kraft, die Menschen zeigt, wie wertvoll das Leben ist. Jedes Leben.

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